„Es geht nicht vorwärts mit der inklusiven Bildung in NRW"
RP, Maximilian Plück
Ein Bündnis mehrerer Inklusionsverbände hat der Landesregierung vorgeworfen, mit dem Zubau weiterer Förderschulen die Integration behinderter Kinder und Jugendlicher an Regelschulen zu hintertreiben. Um mehr Druck auf die Politik auszuüben, legten drei Verbände einen Aktionsplan mit 22 konkreten Maßnahmen vor, die aus Sicht der Verantwortlichen umgesetzt werden müssten.
Michael Rieder vom Inklusionsfachverband „Gemeinsam Leben, Gemeinsam Lernen NRW“ wies darauf hin, dass sich die Landesregierung selbst im Koalitionsvertrag zu einem solchen Aktionsplan bekannt habe, diesen aber bislang nicht umgesetzt habe. „NRW kommt mit der inklusiven Bildung nicht voran.“ Seit 2014 gebe es im Schulgesetz einen entsprechenden Passus, wonach sonderpädagogische Förderung in der Regel in der allgemeinen Schule stattfinde. Eltern können abweichend eine Förderschule für ihre Kinder wählen. „Zwölf Jahre später ist das immer noch nicht so ganz Realität.“ Rieder zufolge sei die Zahl der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf von 120.000 im Jahr 2014 auf mehr als 164.000 im vergangenen Schuljahr gestiegen. Prozentual sei der Anteil an den Schülern aber nahezu auf demselben Level geblieben.
„Es geht nicht vorwärts mit der inklusiven Bildung in NRW“
Rieder kritisierte, dass es neben den bestehenden 488 Förderschulen in NRW noch Planung für 30 weitere gebe. „Man kann sagen, dass es nicht vorwärtsgeht mit der inklusiven Bildung in NRW, sondern das Förderschulsystem noch weiter ausgebaut wird.“ Eltern beschrieben, dass der inklusive Weg sehr problembehaftet sei und für sie zu einer höheren Belastung führe, sagte Rieder. Nicht jede Schule im gemeinsamen Lernen nehme auch tatsächlich alle Schüler mit Behinderungen auf. Probleme würden zudem in Sachen Schulwege und Schülerbeförderung geschildert, auch die Schulausstattung genüge oft nicht den Anforderungen. Dabei hätten in einer Umfrage 68 Prozent der Eltern von Förderschülern, dass sie ihr Kind sicher oder sehr wahrscheinlich im gemeinsamen Unterricht angemeldet hätten, wenn dort ein Angebot in guter Qualität vorhanden gewesen wäre.
Bernd Kochanek, Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe NRW, schilderte zudem, dass die Inklusionspauschale von den Kommunen zwar gerne angenommen werde. Diese sei gedacht, um die Schulbegleitungen und den barrierefreien Ausbau von Schulen zu finanzieren. „Bei den Eltern kommen diese Maßnahmen nicht an.“ Kochanek bezeichnete zudem die Ausweitung der Studienplätze für Sonderpädagogik als „Schaufenstermaßnahmen“, weil sie mittelfristig zwar dem Fachkräftemangel entgegenwirkten, aber über fünf bis zehn Jahre keine einzige Lehrkraft vor Ort mehr zur Verfügung steht. Die vom Land deshalb vorgesehenen multiprofessionellen Teams schafften vor Ort keine Willkommenskultur für Familien und ihre beeinträchtigten Kinder.
Hohe Hürden für inklusive Gymnasien
Auch kritisierte er die hohen Hürden, um ein Gymnasium inklusiv zu machen. Dort sei immer ein Beschluss der Schulkonferenz nötig, um Kinder mit Förderbedarf aufzunehmen. „Des Weiteren haben wir den Eindruck, dass das Schulministerium die Entwicklung zur inklusiven Schule allein den kommunalen Schulträgern überlässt. Und da wissen wir ja, dass die Kommunen mehr als klamm sind.“
Eva Maria Thoms, vom Kölner Verein Mittendrin, verlangte, das Land müsse sich verbindliche Ziele setzen. Beispielsweise, dass spätestens in zehn Jahren jedes Kind und jeder Jugendliche mit Behinderung in Wohnortnähe ein gutes, inklusives Schulangebot vorfinden solle. Dafür sei ein fester Fahrplan zur Schaffung eines flächendeckenden Angebots inklusiver Schulplätzen nötig. Auch forderte sie unter anderem eine qualitative Steuerung der inklusiven Schulentwicklung durch die Schulaufsicht.