Interdisziplinäre Tagung in Düsseldorf




Todsicher ewiges Leben? Interdisziplinäre Perspektiven von Existenz, Sterben und Selbstbestimmung

 

15. - 16. November 2019

 

Düsseldorf: Heinrich-Heine-Universität (Oeconomicum, Geb. 24.31)



Unsere Abteilung >Bildungsakademie< beteiligt sich aktiv an Forschungsprojekten von Nachwuchsforscher/Innen. Im November soll eine interdisziplinäre Tagung stattfinden, die Wissenschaftler/Innen aus verschiedenen Disziplinen nach Düsseldorf einlädt. Die wissenschaftliche Tagung wird von mehreren Nachwuchsforschern veranstaltet. Eigeninitiative, soziales und wissenschaftliches Engagement, der Selbstantrieb sich öffentlichkeitswirksam zu profilieren - das sind ganz wichtige Voraussetzungen, um in der Wissenschaft Fuß zu fassen. 

Die wissenschaftliche Zielsetzung der Tagung wird explizit von einem dialogischen Gestus geleitet, insofern er formulierte Erkenntnisse nicht zum unvermittelten Nebeneinander disziplinspezifischen Wissens respektive Fachwissens erstarren lässt, sondern den produktiven Austausch mit anderen Fächern sucht und einen interdisziplinären Diskurs anstrebt. Diese erkenntniskritische Haltung eines fächerübergreifenden Austauschs wird am thematischen Spannungsverhältnis von Leben und Tod erprobt. Zur Annäherung an diese polare Gegenüberstellung werden unterschiedliche Konzepte von Existenz, Sterben und Selbstbestimmung zum Rubrum der Diskussion. Die Relevanz des Themas definiert sich vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und technologischer Entwicklungen, deren Möglichkeiten vor allem in Medizin, Informatik und digitalen Medien einen geisteswissenschaftlichen Nachvollzug von Philosophie, Theologie, Literaturwissenschaften erfordert; dies allerdings im Zuge einer Auseinandersetzung mit basalen geistes- und ideengeschichtlichen Konzeptionen als Korrektiv zur Bestimmung der je eigenen fachbezogenen Positionen.

Die globale Ausgangsthese des Tagungsprojekts besteht darin, dass der Tod das Leben des Menschen und dessen Beziehung zur Welt seit jeher maßgeblich bestimmt hat. So trivial diese Ausgangsthese erscheinen mag, wird sie doch zur historischen Grundlage seit der Antike kulturell weit sich ausdifferenzierender Umgangsformen mit Leben und Tod vor allem in Religion, Philosophie und Kunst. Hier ist die Ausgangsfrage, welche Bedeutung oder Funktion dem Tod überhaupt beigemessen wurde? Das Spektrum zu Bedeutung und Funktion des Todes lässt sich wesentlich in drei basalen Konzeptionen skizzieren: 1) Der Tod ist der endgültige Schluss individueller Existenz inklusive sämtlicher physischer, psychischer wie auch kognitiver Fähigkeiten. 2) Der Tod wird im Zuge des Sterbens als ein Übergang in einen anderen Seinszustand begriffen. Nicht selten gehen mit derlei Konzeptionen Vorstellungen von einem jenseitigen Leben nach dem Tod, einem Totenreich oder einem Himmel einher. 3) Bisweilen wird der Tod auch als Phase verstanden, die, einmal durchschritten, zu einem neuen individuellen Leben im Zuge von Wiederverkörperung führt. Was hier scheinbar so mühelos schematisiert erscheint, sieht sich heute sowie in naher und ferner Zukunft allerdings mit tiefgreifenden medizintechnischen, digitalen und daher auch gesellschaftlichen Veränderungen konfrontiert.

Denn all diesen kulturgeschichtlichen Konzeptionen über Bedeutung und Funktion des Todes zum trotz bleibt eine (wissenschaftliche) Definition des Todes problematisch. Denn sie müsste die unterschiedlichen Weisen und Ursachen des Todes umfassen. Jedoch lässt sich infolge des medizinischen Fortschritts die Lebensspanne des Menschen immer weiter verlängern, der Todeszeitpunkt hinauszögern. Diese Tatsache impliziert eine Auseinandersetzung mit dem Tod insbesondere hinsichtlich der gegenwärtigen Bedingungen und Möglichkeiten in der näheren und ferneren Zukunft. Neben wissenschaftlichen und mithin medizinischen oder biologischen Bemühungen um eine Definition des Todes muss auch die anthropologische Konstante der Selbstbestimmung in Auseinandersetzung mit Sterben und Existenz in fachübergreifende Überlegungen mit einbezogen werden. Darf ein Mensch über das Ende seines Lebens frei selbst entscheiden? Was sind die Bedingungen, die eine Motivation zum Selbstmord oder anderen Todesarten im Rahmen aktiver und passiver Sterbehilfe aufgrund schwerer Krankheiten zu rechtfertigen versuchen? Wie weit kann oder muss die Selbstbestimmung eines Menschen reichen? Wo muss sie womöglich an Dritte delegiert werden, wenn ein Mensch im Endstadium einer Demenzerkrankung keine vernünftige Entscheidungsmacht mehr über sein Handeln hat, da ein hirnorganischer Zerfall den kognitiven Fähigkeiten die physiologische Basis entzieht? Welche Gültigkeit hat das cartesische Cogito 'Ich denke also bin ich' noch, wenn das Denken als epistemische Grundlage von Selbsterkenntnis und individueller Existenzbestimmung verloren geht? Denn der Satz 'Ich denke nicht also bin ich nicht' lässt sich nicht sinnvoll aussagen, da ein kognitiv unversehrtes reflektierendes Ich diese Aussage leistet, ihr zugrunde liegt. Die Ordnung einer kognitiv strukturierten Welt erleidet einen Rückfall ins Rauschen der Empfindung. Im Bereich digitaler Medien und Virtual Reality wird zunehmend das Potential von künstlicher Intelligenz und Cloudcomputing erkannt.  Das Brain Activity Map Project bemüht sich um die Kartierung neuronaler Netze und des menschlichen Gehirns insbesondere sowie um computerbasierte Modelle zur Simulierung menschlicher Kognitionsfähigkeiten. Manche unken gar von einer Vision: Der Mindupload in eine digital generierte Welt. Hier wäre zu fragen, inwieweit sich der ontologische Status einer Person verändert. Bin das noch Ich, dessen Geist von einem Programm geleistet wird, für das Ich unter Umständen sogar den Tod meines Leibes in Kauf genommen habe? 

Bedeutet Person-Sein respektive Mensch-Sein die Aufrechterhaltung kognitiver Leistungsfähigkeit, für die die biologische Grundlage obsolet zu werden droht, um durch Maschinen ersetzt zu werden? Der Topos ewigen Lebens aus Mythologie, Religion und Philosophie, ja sogar der Literatur und Kunst erscheint angesichts dieser bahnbrechenden Möglichkeiten in einem völlig anderen Licht, der Himmel als Cloud, das digitale Paradies ewigen Lebens in greifbarer Nähe. Die gegenwärtige technologische Entwicklung deutet auf die Möglichkeiten von Kryonik, Minduploading und Virtual Reality voraus.

Wir sehen uns zunehmend in die Lage versetzt, Einfluss auf unseren Alterungsprozess zu nehmen, die Art und Weise unseres Sterbens zu bestimmen und die Bedingungen unserer Existenz neu zu definieren. Etwa im Bereich der Zukunftsforschung werden die Möglichkeiten untersucht, den Tod umzukehren. Man denke hierbei an medizintechnische Verfahren der Xenotransplantation oder sogar der Kryonik, die immer häufiger von Privatleuten erwogen werden. Kryonik ermöglicht eine Gefrierkonservierung des Leibes. Die Entscheidung zu diesem Verfahren besteht in der Annahme, dass im Zuge des medizinischen Fortschritts bisher irreparable Alterungsprozesse, Schäden und Krankheiten in der weit entfernten Zukunft geheilt werden können, wozu der Körper in einer Übergangsphase zu diesem technischen Niveau konserviert werden muss. Science Fiction wird Fiction Science?

Es sind 14 Referierende aus unterschiedlichen Fächern mit je eigenem Schwerpunkt aus Literaturwissenschaft, Philosophie, Theologie, Wirtschaftswissenschaft, Neurowissenschaft, Informatik, Psychologie, Medienwissenschaft und Medizin eingeladen.

Die Tagung wird die fächerübergreifende Vernetzung fördern, den Wissenschaftsstandort Düsseldorf stärken und zur gesellschaftspolitischen Diskussion anregen. Im Zuge dessen sind weiterführende thematische Ausrichtung in Kooperation mit der HHU geplant; gerade Studierende werden von diesem Angebot langfristig profitieren können.